Aufruhr im Ball-Affen-Land

Gesagt, getan: Der Blog wird aufgrund der Pandemie nun etwas anders gestaltet. „Auf ein Spiel“ ist nicht wirklich möglich, dennoch möchte ich aktuelle Themen behandeln, die mich bewegen. Heute ist es die Stimmung der Fans und die Situation um unseren geliebten SVW. 

Und früher war doch immer alles besser…

Die Stimmung ist im Keller. Wir leben seit Monaten in einer Pandemie, sind eingeschränkt, können nicht ins Stadion und unser Verein spielt (nicht selten) 90 Minuten desaströsen Fußball. Das sorgt für viel Unmut und für Mitteilungsbedarf auf etlichen Social-Media Kanälen. Jetzt gebe ich meinen Senf dazu, um vielleicht den ein oder anderen Fan zum Nachdenken anzuregen.

Die Seiten einer Medaille

Denken wir noch einmal an das Union-Spiel. Auch ich habe mir meinen Teil nach Abpfiff gedacht. Werder hatte an diesem Tag schlechten Fußball gespielt. Ich hinterfrage viele Aufstellungen, Einwechslungen, Verletzungen und Spieltaktiken. Bei den Spielen zuvor gab es noch Lichtblicke und gute Momente – gegen die Jungs aus Köpenick sahen wir eher schlecht aus.

Keine glanzvollen Augenblicke. Einfach nur schlechter Fußball. Das sehe ich und ich haue nicht in die Tasten, um alles schön zu reden. Ich möchte euch stattdessen auf eine ganz andere Sicht einladen.

Seit ich diesen Blog schreibe, versuche ich immer zwei Seiten zu sehen. Nicht nur die schlechte Leistung. Stattdessen- nein, zusätzlich – der Blick von oben; aufs Große Ganze. Die vielen Kleinigkeiten und Einzelteile, die am Ende das Gesamtbild ergeben.

Welcome to the other side

Vorweg hole ich euch ab auf (m)eine Perspektive und erzähle euch eine kleine Anekdote.

Ein Mann sitzt in einer U-Bahn. Er hatte einen anstrengenden Tag und ist genervt. An der nächsten Haltestelle steigt ein weiterer männlicher Fahrgast mit seinen beiden Kindern ein. Die Kinder tollen umher und spielen laut. Einige Zeit lässt der gereizte Mann sich das gefallen. Momente später wird es ihm zu bunt und er spricht den Vater der Kinder daraufhin mit strengem Ton an: „Können Sie bitte Ihre Kinder zurechtweisen und in Zukunft besser auf Ihre Erziehung achten?“

Daraufhin entgegnet der Vater dem Fahrgast: „Es tut mir leid, ich werde besser darauf achten. Nur wissen Sie, wir kommen gerade vom Krankenhaus und Ihre Mutter ist gerade gestorben. Die Kinder wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen.“

Die Geschichte ist krass. Doch sie vermittelt, dass es auf die Perspektive ankommt. Dass es auf den ersten Blick nicht immer so ist, wie es scheint. Dass wir eine Situation mit all ihren Konsequenzen nicht anhand eines Augenblicks beurteilen und bewerten sollten. Jetzt mal abgesehen vom Fußball, das machen wir auch verdammt häufig im Alltag, oder? 

Noch eine weitere Anekdote, nun aus meinem persönlichem Nähkästchen. 

Ich habe viele Jahre Tischfußball gespielt. Zwei Mal die Woche trainiert. Und am Wochenende ging es um die Wurst. Anfangs Turniere, später dann Liga-Spiele.

Da ging es schon härter zur Sache. Ständig hatte ich den Druck, irgendjemanden etwas zu beweisen. Ich wollte stets 110% zeigen. Mir begegneten die arrogantesten Männer am Tisch. Solch einer war an jenem Tag mein Gegner.

Meine Mission: Zeigen, dass auch Frauen – dass ich – beim Kickern etwas auf dem Kasten habe. Es ging los – und zack lag ich hinten. Ich konnte es kaum glauben. Ich hatte so gut trainiert, es muss jetzt doch klappen?! Da kam auch schon der nächste Gegentreffer, er grinste hämisch. Das Grinsen könnte ich heute noch phantombild-getreu nachzeichnen. Ich werde es nie vergessen.

Das letzte Tor erzielte er mit dem Knie. MIT DEM KNIE! Das Spiel war aus und ich verlor mit nur zwei eigenen Treffern. Ich war frustriert. Genervt. Kurz davor, das Kickern an den Nagel zu hängen. Heute lache ich über diese Geschichte.

Der Mann der mir damals das professionelle Kickern beigebracht hat, kam zu mir und erklärte, dass alles nur in meinem Kopf abgelaufen ist. Ich hatte mir zu viel Druck gemacht und meine eigentliche Leidenschaft total hintenangestellt.

Ich hab mich selbst so unter Druck gesetzt, dass all die Kreativität, Spontanität und Leichtigkeit – die ich mir antrainiert habe – verflogen war. Am Tisch, in meinem Leben.

Jetzt wieder zurück zum Fußball.

Wenn du bei den vorangegangenen Geschichten nun Parallelen ziehen oder Verständnis aufbringen kannst, gehe ich jetzt noch einen Schritt weiter.

Anmerkung: die folgenden Kommentare sind aus den sozialen Netzwerken. Getreu dem Datenschutz bleiben die Verfasser der jeweiligen Kommentare anonym.

„Wann schmeißt ihr diese beiden Pfeifenheinis endlich raus“

„Ich fasse es nicht. Offensichtlich will man sich in die zweite Liga sparen. Wann werden diese 3 Deppen endlich rausgeworfen?! (…)“

 „Und dann ist ja noch der andere 12 Mio. Versager“

„Glauben die eigentlich den Scheiß selber, den sie da erzählen?“

„So wie ihr drauf seid, gibt’s nix zu gewinnen. Macht die Augen auf es geht wieder ab nach unten „Schämt euch“

„Diese Mannschaft einfach nur peinlich. Und für diese Leistung und Aufstellung ist ja nach Aussage vieler nicht Kohfeldt schuld… Da frage ich mich doch glatt, wer dann? Wieder einmal bislang nur eine peinliche Vorstellung.“

„Es ist so traurig, was aus diesem Verein geworden ist.“

Die Nerven liegen blank

Die Frage sollte lauten: Was ist aus uns geworden? Aus uns Fans? Aus uns Menschen?

Habt ihr in letzter Zeit bemerkt, dass die Zündschnur bei euren Mitmenschen ganz schön kurz geworden ist? Man fragt etwas an der Theke im Supermarkt nach, schon brüllt jemand von hinten „HINTEN ANSTELLEN FRÄULEIN!“

Bei allen scheinen die Nerven blank zu liegen. Und so spricht noch schneller Wut und Frust aus den Menschen. Vielleicht, weil sie nicht nachdenken. Oder, weil sie einfach jede Gelegenheit nutzen, um ihrem Frust etwas Luft zu machen. 

Und dabei hat Werder Bremen, meiner Meinung nach, vor allem ein Mentalitätsproblem. Also agieren wir momentan richtig schön kontraproduktiv. Ganz nach dem Motto: „Sie haben eine Nussallergie? Möchten Sie noch etwas von der Walnusstorte?“

Jahrelang hatten wir Schwierigkeiten damit, aus der Mannschaft ein Team zu formen. Dazu kamen viele Verletzungen. In dieser Zeit haben andere Vereine, wie Köln und Freiburg, Europa gespielt.

Keiner kann sagen, die hatten bessere finanzielle Mittel als wir. Jetzt ist Union der lebende Beweis dafür. Man kann auch aus wenigen Mitteln viel erreichen, wenn das Mindset stimmt. Und das ist mit eurem so oft geforderten Trainerwechsel übrigens auch nicht immer gleich getan. 

Mein Abschlussplädoyer

Wissen wir wirklich ALLES? Ich meine, WIRKLICH alles? 

NEIN! Ist bei euch im Familienkreis schon mal etwas dazwischengekommen? Warst du dadurch vielleicht abgelenkt? Hast du dadurch schlechtere Arbeit abgeliefert und warst froh, dass dein Chef Verständnis dafür hatte?

Hast du dir schon mal voreilig eine Meinung gebildet? Jemandem Unrecht getan? 

Hast du dich auch schon einmal unter Druck gesetzt und gerade dann wollte es erst recht nicht gelingen?

Hast du dann auch komplett vergessen, warum du das tust was du tust?

Macht ein Job noch Spaß, wenn du deiner Firma beim Weg in die Insolvenz zusiehst und weißt, du trägst gerade einen Teil dazu bei? 

Wir urteilen sehr schnell vor dem Fernseher, schreiben unsere Hasskommentare und verbreiten dadurch eine noch schlechtere Energie.

Ich kann mir zudem nicht vorstellen, dass einer der Spieler nach einer Niederlage in die Kabine geht und sagt: „Heute haben wir endlich mal wieder verloren, Gott tut das gut!“ Meint ihr nicht, die Spieler ärgern sich schon genug und brauchen jetzt alles nur nicht solche Kommentare?

Wo ist denn da unsere Mentalität/Menschlichkeit geblieben?

Und jetzt mal Butter bei die Fische!

Ich möchte kein Gegenargument akzeptieren, das mit der Kohle zu tun hat. Ja, die Jungs spielen in der Profiliga und bekommen eine mehr als gute Bezahlung. Aber auch diese Jungs befinden sich in einer Pandemie. Haben Familie und müssen einiges unter einen Hut bekommen.

Zudem fehlen die Fans im Stadion mit ihrem Gesang und der Motivation. Nun bleibt nur noch die Stimme auf Social Media und die ist, wie ihr bereits gelesen habt, nicht selten ein Armutszeugnis. Zudem geht es hier immer noch um Menschen!

Es steht uns nicht zu, so über Menschen zu urteilen.

Back to the roots!

Wenn ich also dazu aufrufen darf – MACHT JETZT ENDLICH DAS BESTE DRAUS!

Alles unter dem Motto – WELCOME TO THE OTHER SIDE!

Das soll nicht nur für den Fußball gelten, sondern auch für jede Alltagssituation. Mehr Respekt – und wenn wir schon nicht im Stadion sein können, dann lasst uns gemeinsam die Mannschaft anfeuern. Vor dem TV, im Netz, in den sozialen Medien. Und gerade letztere sind ein Kanal, der auch die Spieler erreichen kann. Aber dann doch bitte positiv, motivierend und als „12. Mann“. 

Ob Fangesänge im Status, in den Kommentaren oder in den Stories. Gebt alles! Nicht Euren Hass – sondern eure Liebe zum Fußball, zu Werder Bremen. Für den Klassenerhalt und endlich wieder gute Stimmung an der Weser.

Alles geben für den SVW.

Der Akzep-Tanz

2020. Wir hatten uns so auf ein „neues Jahrzehnt“ gefreut. Was wir bekommen haben, entsprach nicht unseren Vorstellungen – privat und auf dem Rasen. Ihr bekommt den Rückblick aus meiner Sicht. Aus der Sicht eines Fans – Auf ein Spiel!

Wie ich es vermisse…

Gott sei Dank war ich noch in Augsburg und in Frankfurt, bevor die Tore für Fans endgültig geschlossen wurden. Wenn ich jetzt an dieses Gefühl denke, wie es ist, in der Kurve zu stehen, zu klatschen, zu singen, sich zu freuen und sich in den Armen zu liegen. Es brennt in meinem Herzen. Kaum vorstellbar, wie sich das angefühlt hat. Ich weiß jetzt noch ein Stück mehr, wie wichtig Fußball für mich ist. Es ist nicht nur das Spiel an sich. Es sind die Fans, das Gefühl, der Zusammenhalt. Die Stimmung. Mein Ventil, mal den Alltag hinter mir zu lassen. Wut, Freude, Enttäuschung, Begeisterung – es fehlt mir. Desto dankbarer bin ich, noch auf diesen beiden Auswärtsfahrten dabei gewesen zu sein. Vor dem TV zu hocken, zu meckern – das ist vielleicht nett, aber kein Dauerzustand. Ich guck mir lieber nochmal die Niederlage in Frankfurt im Stadion an, als 3 Siege vor dem TV.

Nadine steht vor einem Bild auf dem das Weserstadion in schwarz/weiß abgebildet ist.
Das Weserstadion nur auf Leinwand und TV

Und haben wir überhaupt 3 Siege im TV gesehen? Ich sag es euch ganz ehrlich, Freunde des guten Fußballgeschmacks: Die letzte Saison war zum Vergessen. Wir haben uns Gott sei Dank noch einmal aufgerafft und die Relegation überstanden. Hier könnt ihr das ganze Spektakel auch noch einmal nachlesen.

Die aktuelle Situation bei Werder scheint wieder kritisch. Gegen Bayern haben sie alles reingeworfen. Dieses Spiel hat mir gezeigt, dass ganz tief in den Jungs noch die Kunst des Balls steckt. Aber es gab auch andere Spiele. Spiele bei denen ich überlegt habe, den Fernseher auszumachen. Kennt ihr diese Szenen in Filmen, wenn irgendwas wirklich Schlimmes zu sehen ist? Ja, da hätte ich auch gern die Augen zugemacht. Aber es war ja schließlich der SVW, der da auf der Mattscheibe lief. Den kann man nicht im Stich lassen. Mit verwirrenden Hasstiraden im Netz helfen wir unserem SVW nicht. Das Spiel gegen Hannover 96 im Pokal lässt wieder hoffen. Und ich hoffe auch, dass Kohfeldt vermehrt auf eine jüngere Startelf ohne Japaner setzt! 🙂

Es war nicht alles schlecht

Zum Ende des Jahres setze ich mich noch einmal hin und bringe auf Papier, was das Jahr so mit sich gebracht hat. Dann bemerke ich meist, dass nicht alles schlecht war. Ich habe viele Menschen in meinem Freundeskreis die das Jahr immer mit „das Jahr war so scheiße, hoffentlich wird das nächste besser“ abschließen. Ich gucke mir lieber was von den Norwegern ab. Dort sagt man auch nicht „Frohes Neues“ beim Jahreswechsel. Hier heißt es „takk for den gamle“ zu Deutsch „Danke für das vergangene Jahr“. Die Norweger Art ist für mich die eindeutig schönere Version. Probiert es mal aus und schreibt Monat für Monat auf, was besonders war. Es ist nicht nur eine Reise durch die Zeit, es beendet das Jahr positiv.

Außerhalb der 90 Minuten

Und so habe ich auch wundervolle Momente gehabt. Ich predige seit Beginn an, dass Freundschaften für mich den Fußball tragen. Ich habe dieses Jahr einige Freundschaften verloren, aber ich habe zugleich neue Türen aufgemacht. So bin ich über Pia gestolpert. Pia ist Werder-Fan und Dank Social Media eine wichtige und gute Freundin geworden. Wir ticken gleich, tauschen uns täglich aus – und das bei weitem nicht nur über Fußball. Danke für deine Freundschaft!

Aber auch Fußballtechnisch gab es schöne, positive Momente. So durfte ich im Oktober für ein Wochenende den Kanal auf Instagram von „UnserWerder“ übernehmen. Ich durfte für „FanOnStreet“ die Aktion „EM für Kids“ zu Ende bringen. In so viele leuchtende Augen habe ich noch nie gesehen. Zudem kamen über 700 Euro zusammen für die Spendenaktion, zu der ich aufgerufen habe, als das Spiel gegen die Bayern anstand. 700 Euro gingen mit „Breakfastgoals“ an die Kids für „Dein Ball für Namibia„. Hier konnten wir fast ein ganzes Jahr abdecken, in dem die Kids jeden Mittwoch ein Frühstück bekommen. Schaut gerne mal bei FanOnStreet vorbei, wenn auch ihr gutes tun wollt. Und Zack! So schlecht war dieses Jahr nicht, trotz Corona-Zeiten.

Der Tanz auf Distanz und der Ausblick

Corona. Wir müssen uns Alle an die Regeln halten, damit wir möglichst schnell wieder zur Normalität zurückkehren können. 15:30 Uhr in der Kurve. Warum ich diese Überschrift gewählt habe. Wir sitzen alle im selben Boot. Wir tanzen gerade den Akzep-Tanz, im Wechselschritt mit dem Dis-Tanz. Das kostet viel Kraft aber ich bin voller Hoffnung, dass wir uns wieder in der Kurve treffen.

Ihr dürft euch nächstes Jahr auf ein paar coole Sachen freuen. Was, wird noch nicht verraten. Der Blog geht auf jeden Fall etwas anders weiter, solange man nicht ins Stadion darf. Aber eine kleine Überraschung gibt es noch. Ihr erinnert euch noch an Michael? Ein gnadenloser Texter. Ich traf ihn das letzte Mal in Frankfurt. Ich bat ihn um einen Jahresabschluss auf seine Art. Und hier ist er, das Beste kommt zum Schluss!

Zwei Freunde in der Gästeliste in Werder Trikots
Und das ist Michi!

Viel Spaß dabei und macht das Beste aus dieser Zeit. Wir sehen uns wieder im neuen Jahr – Auf ein Spiel! (Auch wenn es anders wird). Rutscht gut rein!

Der Jahresabschluss von Michael Merfort

2020 da ist ein Ende in SICHT – 
da war mehr als dieses Virus von dem jeder grad SPRICHT.
Und bevor das neue Jahr nun endlich ANBRICHT – wird es Zeit für den meinen Grün – Weißen JAHRESBERICHT. 

Mehr Wagen und mehr Winnen – neuer Mut das FUNDAMENT – Auswärtssieg – der Neuanfang – ein erster AUFWÄRTSTREND –
Der Erfolg bleibt aus, graue Maus  keine Schimmer hoch am FIRMAMENT – der Abstiegskampf ist angekommen- in den Köpfen OMNIPRÄSENT.

Da ist keine Hoffnung mehr – sag mal wars das SCHON? Folgt nur Tage später eine Antwort – mit der POKALSENSATION. Nächste Runde , Finale in Berlin  vor vielen MILLIONEN – grauer Alltag- Wochenende 0:2- Eisern UNION.

Ein Virus stoppt den Ball und hält kurz darauf die ganze Welt AN –  im Stadion wirds still und es folgt ein neuer ANFANG. Am Tabellenplatz sollte sich erstmal nichts mehr ÄNDERN – „Wir glauben dran“ das Finale lief auf allen großen SENDERN.

Spieler sind Menschen und werden zu LEGENDEN – Da prangten schon so viele große Namen auf den HEMDEN –  Gracias Claudio, Zeit deine Karriere zu BEENDEN – schwelge in Erinnerung ,  die Schale in den HÄNDEN. 

Man darf ja wohl noch TRÄUMEN  – das eSports Team holt das Ding auf 16 zu NEUN.

Und während die ganze Welt lüftet und hält Abstand DAZU – bleibt bei uns wohl wieder das Transferfenster ZU.

Homecoming

Es ist wieder an der Zeit in die Tasten zu hauen. Die Saison hat schon längst begonnen und ich bin endlich wieder in den Stadien der Republik unterwegs. Versprochen. Was so besonders an diesem Beitrag ist und warum ich ausgerechnet diesen Titel gewählt habe, erfahrt ihr hier. Endlich wieder: Auf ein Spiel.

Wenn aus Jahren eine Ewigkeit wird

Homecoming. Dieses Event stammt aus den USA und wird gegen Ende September/Anfang Oktober ausgetragen. Es steht für ein Wiedersehen der Highschool Absolventen. Und auf dieses Wiedersehen habe ich mich lange gefreut. Es ist mein erstes Auswärtsspiel diese Saison und ich treffe auf Menschen, die ich (verdammt) lange nicht mehr gesehen habe. Seit einem Jahr wohne ich nun schon im schönen Würzburg. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich hier in den Fanclub eintrete. Gesagt, getan. Zufälligerweise ist der Vorstand der Werder Warriors in Würzburg auch meine erste große Liebe gewesen. Soviel zu dem Satz: Man sieht sich immer 2x im Leben. Nach 10 Jahren sollten sich unsere Wege wieder kreuzen.

Jetzt aber auf zum Spiel. Auf dem Parkplatz am Würzburger Hauptbahnhof, warten Jendric und ich auf Patrick und Magnus. Es tut gut, wieder mal ein paar Grün-Weiße zu treffen. Ein seltener Anblick aber ein schöner.

Freunde die sich in den Armen liegen

Alles beim Alten

Mit Kaltgetränken im Gepäck und jeder Menge guter Laune steigen wir in den Bus. Und wer sich nach so langer Zeit wieder so umarmen kann, als wäre nie Zeit vergangen, der weiß, was wahre Freundschaft ist. Ein besonderer Moment. Auch, weil ich endlich die Mitglieder des Fanclubs kennenlerne. Auch wenn ich die Franken für Ihren Dialekt nicht gerade feiern kann, so schätze ich umso mehr ihren Humor und ihre Herzlichkeit. Ich werde in Empfang genommen, als würde ich schon immer dazugehören. Aus den Boxen ertönt unsere Hymne Lebenslang Grün-Weiß von den Original Deutschmachern. Sobald man mit einstimmt, ist eh alles andere vergessen. Heute holen wir uns endlich 3 Punkte. Keinen Zweifel. Der Weg nach FFM wird von tollen Gesprächen begleitet. Die gute Laune ist an ihrem Zenith. So bekommen wir auch immer wieder regelmäßig ein kleines Ständchen der Bamberger Jungs ins Ohr gegröhlt. Wie hab ich das vermisst.

Freunde und Anhänger des SV Werder Bremen

Eine kleine Sportliche Einlage

Noch ein kräftiger „Werder-Schluck“ (Waldmeister Likör) vor der Ankunft und los geht’s. Dieses Gefühl in einer fremden Stadt mit einem Werder Schal auszusteigen ist ungefähr so, als wenn du hungrige Löwen aus dem Käfig lässt. Die Zeit ist leider schon etwas fortgeschritten, somit legen wir noch einen kleinen Sprint vor der Commerzbank-Arena hin, um pünktlich in der Kurve zu stehen.

Vom Waldstadion zur Commerzbank-Arena in 10 Sätzen.

Seit dem Jahr 2005 trägt es nun diesen Namen. Eröffnet wurde es 1925. Den früheren Namen Waldstadion bekam es aufgrund seiner Lage in Frankfurt. 51.500 Zuschauer finden hier einen Platz um Fußball zu schauen. Mitte der 20er Jahre waren es noch knapp 35.000 Plätze. Gleich im Eröffnungsjahr fand hier das letzte Spiel um die deutsche Meisterschaft statt. Damals gewann der 1. FC Nürnberg mit 0:1 gegen den damaligen FSV Frankfurt. Nach dem 2. Weltkrieg nahmen Amerikanische Soldaten in beschlagnahm und benannten es „Victory Stadium“. Juli 1946 wurde es dann allerdings wieder für deutsche Sportliche Zwecke freigegeben. Unzählige Ereignisreiche Spiele und Veranstaltungen fanden seither statt.

Da wo ich sein will

Aber wieder zurück zu unserem Sportlichen Ereignis. Dem Sprint in das Stadion. Von außen hören wir schon die Mannschaftsaufstellung der Gastgeber. Klar, hier bin ich mal wieder Textsicher :-).

Zwei Freunde in Werder Trikot in der Gästekurve

Kontrolliert wird gleich Zweimal. Pünktlich zum Anpfiff stehen wir außer Atem aber glücklich in der Kurve. Nach dem Eintreffen der Ultras ist die Stimmung grandios. Es riecht nicht nur nach Fußball, es hört sich auch danach an. Und genau hier denke ich mir wieder, das ist meine Welt. Egal was wer sagt über mich, meinen Verein, meine Liebe zum SVW, egal wo ich gewohnt hab. Das war´s mir immer Wert. Immer und zu jeder Zeit.

Anzeigetafel mit der Aufschrift 2:1

90 Minuten Wahnsinn

In der 27. Minute schießt Klaassen den Führungstreffer. Jaaaaa! Zuvor hatte Maxi Eggestein in der 7. Minute den Pfosten erwischt, hier kam endlich die Befreiung. Die Bremer schlagen sich gut. Immer wieder hält uns Jiri Pavlenka den Rücken frei. Nach 45 Minuten pfeift der Schiri zur Halbzeit. Da treffe ich dann nach langer Zeit auch endlich wieder Michi. Von dem werdet ihr bald mehr zu hören bekommen. Ich expandiere :-). Lasst euch überraschen.

Zwei Freunde in der Gästeliste in Werder Trikots

Neue Helden braucht das Land (nicht)

Weiter geht’s. Verregnet ist vielleicht das Wetter aber nicht die Stimmung. Trotz der großen Verletzungsserie der Grün-Weißen machen sie wirklich das Beste draus. Nicht auszumalen was hier gehen würde, wenn wir diese nicht hätten. Aber es wäre nicht Werder, wenn etwas leicht wäre. Dieses Schicksal muss man akzeptieren. Auch, dass in der 88. Minute Silva die SGE in die Führung schießt. Verdammt, jetzt muss noch was passieren. Leider kommt so gar nichts mehr von den Bremern. Aber das Pech des einen ist das Glück des anderen. So bekommen wir in der 91. Minute einen Elfmeter zugesprochen. Ganz ohne VAR. Ich bin mächtig stolz auf den Schiri. Was man wohl gerade als kleinen Schmunzler verbucht, ist mittlerweile traurige Wahrheit. Willkommen im Jahr 2019 indem der VAR viele Spiele entschieden, viele Schiris verunsichert und Momente kaputt gemacht hat. Fußballgeschichte schreiben jetzt Helden hinter Computern und Kameras.

Anderes Thema.

Anzeigetafel der Commerzbank-Arena. Es steht 2:2

Das Beste zum Schluss

Milot Rashica steht am Elfmeterpunkt und kickt souverän das Runde in’s Eckige. Mein Jubel ist so groß, dass mein Handy aus der Jackentasche durch die komplette Kurve fliegt. Wir nehmen heute einen Punkt mit. Ich bin zufrieden. So geht es auch wieder in den Bus um die Heimfahrt anzutreten. Was für ein Spieltag. Ein fettes grinsen liegt auf meinen Lippen bevor mir die Augen zufallen und ich erst wieder aufwache als der Busfahrer sich für die Mitfahrer aus Würzburg bedankt. Ich habe zu danken, denke ich. Dankbarkeit, ein kostbares Gut. Unterschätzt liegt es viel zu tief vergraben in einigen Charakteren der heutigen Zeit. Apropos Zeit! Das ist der Beginn einer tollen neuen im Fanclub der Werder Würzburg Warriors. Ich freu mich riesig auf alles was noch kommt.

Auf ein Spiel!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Endspurt

Ein letztes Mal in dieser Saison heißt es für mich früh aus den Federn. Das letzte Spiel, bei dem ich meine Werder-Jungs lauthals unterstützen kann. Europa steht auf der Tagesordnung. Für mich heißt das: nochmal alles geben. Wie das Spiel ausging und was ich da noch zu sagen hätte… Hier auf ein letztes Spiel in der Saison 2018/2019.

Wir machen den Unterschied

In dem letzten Beitrag von Olaf  „Fußballgott ist tot“ wurde schon alles gesagt. Ich war mehr als nur sauer und enttäuscht vom DFB-Pokal Halbfinale. Ich hoffe der Siebert steht jeden Morgen vor dem Spiegel und schämt sich. Was habe ich mich aufgeregt! Wie ich es hasse, ungerecht zu verlieren. Es ist einfach so passiert. Und egal was du machst und sagst, wenn derjenige mit der Macht in der Hand anders entscheidet, hast du nix mitzureden. Gefühlt hätte kein anderer Verein auf dieser Welt diesen umstrittenen Elfmeter bekommen. Jeder Schiedsrichter wäre zumindest kurz rausgegangen, um sich die Situation noch einmal in Ruhe anzusehen. Ein Herr Siebert nicht. Ja, das ist der Unterschied zu uns Fans und dem FC Bayern. Der Unterschied auch, nicht immer die Mittel zu haben, die anderen zur Verfügung stehen. Trotzdem da zu sein. Als Fans und auch als Mannschaft. Ich kann mich an keine einzige geile Choreo der Bayern erinnern. Alles, was mich an die Bayern erinnert ist ein einziger Kasten Bier. Nur dass es da nicht 11, sondern 16 Flaschen sind. Aber jetzt fahren wir erstmal nach Düsseldorf

Abfahrt

Um 9:00 Uhr fährt der Zug aus München in Würzburg ein. Wagen 25. Da sitzen sie ja schon. Meine GWM’ler. Herrlich. Nach einer Druckbetankung Kaffee und 2,5 Stunden Fahrt, sind wir auch schon in der Stadt der Fortuna angekommen. Wer jetzt denkt, wir gehen gleich mal ein Bier trinken — falsch gedacht! Erstmal gibt es Käsekuchen! Der Beweis folgt auf diesem Foto hier. 

Werderfans bei Kaffee und Kuchen
Beweisfoto! 🙂

Elia ist schon ganz nervös und traut seinen Augen nicht, als wir ihn wirklich mit in das Café nehmen. Heute wollten wir mal was anderes machen! Gesagt, getan! Nach einem wirklich kurzen Aufenthalt, auch Elia zu liebe, machen wir uns dann aber auf in eine nahegelegene Kneipe. An den Namen kann ich mich gar nicht mehr erinnern, nur, dass es da ein ganz furchtbares Altbier gibt. Füchsen! Hatte ich doch vor kurzen noch in Gladbach ein sensationelles Bolten getrunken. Jetzt das. Das muss man erstmal sacken lassen. Auch mein Onkel und sein Ehepartner treffen endlich ein. Ein großes Wiedersehen. Man trifft sich eben doch öfter, wenn man Fans vom gleichen Verein ist. Immerhin spielen die öfter, als der Weihnachtsmann.

Werder Fans in der Kneipe bei einem Bier
Auf ein Spiel mit TWERDER und GWM

Auf zur „Spiel-Arena“

Richtig gelesen: Merkur Spiel-Arena um ganz genau zu sein. Und das hat es damit auf sich: 54.600 Zuschauer können hier einen Spieltag ansehen. Hatte ich gar nicht auf dem Schirm. Damit ist es auch das achtgrößte Stadion in Deutschland. 3,5 Millionen Euro bekommt der Verein dafür, dass das Stadion diesen Namen trägt. Sollte die Fortuna innerhalb der nächsten 10 Jahre absteigen, liegt der Betrag noch bei 2,75 Millionen Euro. MERKUR SPIEL-ARENA, das sind Spielhallen, Wetten, Suchtunterstützer. Viele namentlich bekannte Spieler machen hierfür Werbung. Na, wer hat jetzt auch Sebastian Schweinsteiger´s Schwarz-Weiß Werbespot vor Augen? Oder den von Oliver Kahn? Große Haie wie der BVB und der FCB haben Verträge mit diversen Sportwetten Anbieter. Das stinkt doch zum Himmel! Wer jetzt nicht genau weiß, wovon ich spreche, der klickt einfach mal hier auf das Video.

Wie war das mit dem Unterschied? Wer seine Seele verkauft hat und wer über Leichen geht, ist bei den großen Vereinen wohl genau richtig. Hauptsache der Rubel rollt. Fußballer haben große Verantwortung zu tragen. Sie sind große Idole vieler kleiner Nachwuchstalente und Kindern. Aber darauf wird keinen Wert gelegt. Die Gesellschaft will ja bei Laune gehalten werden. Inwieweit ist das denn alles noch vertretbar? Machen sich die Spieler denn auch nur ein einziges Mal Gedanken darüber, was sie im TV für Scheiße erzählen? Und dann steht da Dick und Fett Merkur Spiel-Arena drauf. Das ist auch der Grund, warum ich gar nicht weiter mehr über Stadion und deren Tradition erzählen möchte.

Weiter im Text

Nach gefühlten 100 lieblosen Ticketkontrollen später sind wir endlich da. Man wird besser durchsucht als an manchen Flughäfen. Und da huscht mir auch noch Heiko vor die Linse. Für mich schon jetzt ein gelungener Tag. Bratwurst und Bier sind preislich total in Ordnung und das Beste, man kann hier überall Bar bezahlen. Keine Schnick-Schnack Karte und kein langes Anstehen. Das Bier hier ist übrigens das Alt, von dem ich euch zuvor berichtet habe. 

3 Werderfans vor dem Spiel
Ein Heiko kommt selten allein

Alles für Europa

Auf ein Spiel Karte in einem Ticketautomaten in der Bahn
Das Ticket für Europa habe ich auf jeden Fall gelöst

Das Wetter ist eher bescheiden. Erst kurz bevor es losgeht, kommt die Sonne raus. Bei Anpfiff und voller Vorfreude folgt der erste Dämpfer in der ersten Minute: Wir liegen 0 : 1 hinten. Schockstarre. Glatt kommt mir das Altbier fast wieder hoch. Ich ahne schlimmes. Das Pokalspiel war sehr Kräftezerrend. Das wird mir erst jetzt auch bewusst. Aber im Gegensatz zu andern Vereinen, geben wir niemals auf. Also geht es weiter mit Fangesängen. 22. Minute 0 : 2. NEIN! Durch die guten und die schlechten Zeiten denke ich mir in der Sekunde und bin trotzdem noch dabei. 

Schild im Vordergrund mit der Aufschrift: Sportpark Nord/Europaplatz
Ob das heute hier in Richtung Europa geht?

25. Minute. Der Schiri zeigt nach dem VAR auf den Elfmeterpunkt. Für uns. Sowas traut man sich? Uns einen Elfmeter zu geben? Ich kann es kaum glauben, Kruse verwandelt sicher. Es geht Schlag auf Schlag. Die Kurve ist laut. Wir sind wieder da und das Spiel ist noch total offen. 

Offen bleibt nach der 2. Halbzeit auch der Ausgang für Werder am Ende der Saison. Nach 2 weiteren Treffern von Düsseldorf und einem Endstand von 4 : 1 wird es nochmal richtig knapp für die Werderaner für den internationalen Auftritt.

Egal-wo-du-auch-spielst

Ein komisches Spiel. Nähstunde für Klaasen, vielen Auswechslungen, gelben Karten und einem schlechten Spielverlauf. Ein positiver und nennenswerter Pluspunkt — es war schön in der Halbzeitpause das Lied von den Hosen: „Bayern“ zu singen. Das tat gut. Nach all den Strapazen der vergangenen Tage.Normalerweise ist meine Laune im Keller. Heute aber haben mich diese tollen Menschen begleitet und das macht manchmal den Unterschied. 

Das war der vorerst letzte Beitrag für die Saison. Ich persönlich gebe Europa erst auf, wenn es rein rechnerisch nicht mehr möglich ist. Bei Werder ist alles möglich. Wir machen den Unterschied. Ich bedanke mich bei euch für die Treue auch diese Saison über. Für die tollen Gespräche, die ich mit vielen führen dürfte und der Beginn toller Freundschaften über diesen Blog. Ich freue mich, wenn ihr auch nächste Saison wieder mit am Start seid! 

AUF EIN SPIEL!

Fußballgott ist tot

Der 2. Akt gegen die Bayern, dieses mal im Bremer Weserstadion. Geschrieben von Olaf Kretschmer.

Es gibt so Spiele, die muss man erstmal sacken lassen. Was war da passiert? Wie konnte das passieren? Wieso musste das SO passieren? Eines jedenfalls ist klar. Entweder gibt es keinen Fußballgott oder er ist gestorben. Schon vor langer Zeit – kurz bevor der Fußballteufel die Bayern erschaffen hat.

Es begann hoffnungsvoll

Was für ein Tag. Ein Wetter zum Helden zeugen. Ein Tag, um die Bajuffen aus dem Stadion zu jagen. Ein Tag, um Hans vom Flughafen abzuholen. Es sind diese besonderen Tage, wo die Grün Weiß Münchener in großer Anzahl weder Kosten noch Mühen scheuen, um ihren Verein zu unterstützen, um der tristen Säbenerstraßenrealität zu entkommen. Um dieser verranzten „Mia san Mia und gewinnen immer“-Truppe den Marsch zu blasen. Und so etwas wird natürlich entsprechend vorbereitet. Ich setze Hans kurz zuhause ab – in der Botschaft – suche mir einen Parkplatz. Und dann geht es schon los. Richtung Schlachte. Um die anderen zu treffen. Elia und Marco. Tino und Kasi. Und all die anderen. Und Guido. Ach Guido…

Olaf Kretschmer im Weserstadion
Und das ist der Verfasser dieses Beitrags

Im von Roten vollverminten Biergarten des Feldmanns, direkt an der Weser. Seltsame Männer, kaum Frauen, in seltsamen Gewändern. Mit braunen Lederhosen und spitzen Filzhüten. Rote Leibchen. Telekom steht da drauf. Und hinten seltsame Tiernamen. Robben zum Beispiel. Unverständliches Zeugs wird überall gebrabbelt. Was ein Vorteil ist. Wer die nicht versteht, kann das Gesocks einfach ignorieren. Aber den Gefallen tut Guido uns einfach nicht. 

Sie sind in der Überzahl. Logisch. Die Schlachte ist eine Touri-Meile. Völlig überteuert. Der halbe Liter fünf Euro. Was haben Werderfans da zu suchen? Eigentlich nichts. Aber irgendwer muss wohl diese seltsame Entscheidung getroffen haben. 

Als Hans und ich eintreffen, haben die anderen Grün Weißen schon etliche Gläser geleert. Und es ist gerade erst zwei Uhr mittags. Ich entscheide mich für alkoholfrei. Ich will was vom Spiel mitbekommen. München ist mir noch gut in Erinnerung. 44 Spieler und zwei Bälle. Diesmal soll es anders sein.

Bremer Coolness. Das ganze Gepöbel abperlen lassen. Sollen sie doch singen. Was ist grün und stinkt nach Fisch. Zieht den Bremern die Gräten aus dem Arsch. Über Bremen fahr’n wir nach Berlin. Speichelgesättigtes Gegröle. Einfach drüber weghören. Aber den Gefallen tut uns Guido nicht. Er versucht tatsächlich eine Gesangsbattle. Jeder begreift, dass das Spiel im Stadion und nicht an der Schlachte entschieden wird. Dass es auf den Abend ankommt und nicht auf ein Lautstärkemessen mit Weißbiertrinkern am Rande der Weser. Dass wir DA in der Überzahl sind. Dass es darauf ankommt heute Abend alles zu geben. Nicht jetzt. Okay… Einer begreift das nicht. Weshalb er das Bergvolk dazu anstachelt mal so richtig die Sau raus zu lassen. Man kann nur hoffen, dass das ne Taktik war. Um die heiser zu machen. Damit die heute Abend nicht mehr singen können (können sie im heimischen Stadion ja eigentlich nie). Aber der Nachmittag an der Schlachte wird alles andere als Vergnügungssteuer pflichtig.

Nach drei Stunden (die Ohren fühlen sich an, als ob eine Unzahl von Deppen sie mit verbalen Kuhfladen vollgestopft hätte) geht es endlich Richtung Stadion. Kleiner Abstecher in die Botschaft. Kaltes Bier trinken – aus der grünen Flasche. Und Korn. Keine halben Sachen heute.

Endlich Werder

Wir gehen am Steintor entlang. Es sind noch gut drei Stunden bis zum Spiel. Alles ist grünweiß. Nur vorm Haifischbecken stehen schwarz gekleidete Ultras in den obligatorischen North Face Jacken. Das wundert mich schon manchmal. Gerade die Ultras singen doch immer, die Farben von Werder seien grün und weiß. No orange und so… kennt man ja. Aber schwarz? (nur so als kleine Zwischenklugscheißung: 1899, im Jahr der Gründung des glorreichen SV Werder Bremen, waren die ersten Trikots tatsächlich schwarz und rot. Weiß nur kaum jemand. Die Ultras liegen also gar nicht soo falsch).

Und dann der Wahnsinn. Gänsehautfeeling. An der Franz-Bömert-Straße, die vom Osterdeich runter zum Weserstadion führt, stehen Zehntausende in grünweiß. Zieht den Bayern die Lederhosen aus. Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin. Europapokal. Werder go, Werder go, Werder go go go… So habe ich mir das vorgestellt. Ein riesiges Meer aus Werderfans wartet auf den Mannschaftsbus. Wie in der vergangenen Saison. Als es noch gegen den Abstieg ging. Überwältigend. Einzigartig. So etwas gibt es nur hier in Bremen. Gefühlt sind es mehr Fans als später im Stadion. Da passen ja nur 40.000 rein. 

Der Bus fährt durch die Menge. Der Gesang ist infernalisch. Das Gefühl unbeschreiblich. Aber eins ist klar: Wir werden heute gewinnen. Daran besteht kein Zweifel. Diese Gewissheit kann sich nur auf die Mannschaft übertragen. Das wird ein Tag, den wir nie vergessen werden. 

Werder Fahne in der Ostkurve bei Sonnenuntergang
Hier regiert der SVW            Quelle: Andy

Anpfiff

Was dann kommt ist ein Wechselbad der Gefühle. Voller Zuversicht sitzen wir im Oberrang der Ostkurve. Wenn wir nicht gerade stehen. Es hält uns kaum auf den Sitzen. Jetzt zeigen wir denen mal wo der Frosch die Locken hat. Das ganze Stadion ist in die Vereinsfarben getaucht. Eine überdimensional große Möwe grinst den Lederhosenträgern süffisant ins Gesicht. Geile Choreo. Die Lautstärke ist überwältigend. Ja. Hier wird das gemacht. Nicht an der Schlachte. Aus dem Oberrang Westkurve kommt gar nichts. Wie Kirche. Der Punkt geht schon mal an uns. Jetzt brauchen wir nur noch aufem Platz. 

Aber die Bayern schießen das Tor. Ein saublödes. So ein typisches Dusel-Ding. Irgendwie kriegen wir den Ball nicht weg. Die Pille liegt im Netz.

Und dann fangen wir uns auch noch ein zweites Ding. Das wars. Zwei Tore Rückstand. Gegen die Bayern? Das holen wir nicht auf… Stille.

Okay. So ganz still ist es nicht. Zum ersten Mal hört man an diesem Abend die Erfolgsanhänger von gegenüber. Was sie singen? Ich weiß es nicht. Ich versteh die einfach nicht.

Das waren Wirkungstreffer. Auch die Ultras brauchen ein paar Minuten, um sich zu berappeln. Wir haben noch eine halbe Stunde. Nichts ist unmöglich. Wunder, die gibt es gerade an der Weser immer wieder. 

Weserstadion in der Abenddämmerung
Werder Go!                  Quelle: Andy

Werder Werder Werder

Alle geben noch mal alles. Die Fans, der Trainer, die Mannschaft. „Werder Werder Werder“ schallt es durchs Stadion. Es ist nie zu spät. Wir packen das noch irgendwie. 

Und dann der Doppelschlag. Yuya und Raschi treffen in der 74. Und 75. Minute. Bierbecher fliegen. Wir liegen uns in den Armen. Leute von zwei Reihen über uns taumeln in die Tiefe – und werden aufgefangen. Es gibt doch einen Fußballgott. Jetzt haben wir Oberwasser. Jetzt ziehen wir diesen Kackbratzen die Lederhosen nicht nur aus, sondern über die Ohren. Das ist der Wahnsinn. Das psychologische Moment ist auf unserer Seite. Das stecken auch diese Millionaros nicht einfach so weg. Die versenken wir in der Weser. Die verarbeiten wir zu Weißwürsten. Die können nach Hause fahren. Dann kommt der Pfiff.

Siebert

Es gibt keinen Fußballgott. Es gibt nur den Fußballteufel. Und der ist ein Bajuffe. Sein kleiner mundpestilenziger Huflecker zeigt auf den Punkt. Wegen nichts. Wegen gar nichts. 

 

Der zweite Gastbeitrag von Olaf Kretschmer. Wer ihn nicht kennt, kennt seine Botschaft in Bremen. Das Bild unten zeigt seine Liebe zum Verein und seine Gastfreundschaft. Danke für ALLES! Danke, für deine Worte, die du nach dem schrecklich ungerechten Spiel gegen den FC Hollywood finden konntest.

Wenn auch ihr Lust habt, eure Fan-Perspektive zu teilen, kommt gerne auf mich zu.  Auf ein Spiel!

Grün Weißes München vor der Bremer Botschaft
Hier ist man immer Willkommen. Die Botschaft.

DIE WIR WOCHE – Round 1 – FIGHT!

Man könnte sagen, es sei das Vorspiel auf das, was uns im DFB-Pokal erwartet. Dies wird ein etwas anderer Beitrag. Ein Beitrag in 2 Akten. Heute bin ich in dem Stadion, in dem es tatsächlich Popcorn gibt. Ich bin zu Gast beim FC Hollywood. Die Bayern. Heute in München, Mittwoch im Pokal. Den 1. Akt gibt es von mir, den Nachschlag von Olaf Kretschmer. Was dieses Mal alles anders ist, könnt ihr hier nachlesen. Auf ein Spiel in der bayerischen Landeshauptstadt. 

Stolz auf unseren Fisch!

Es geht also mal wieder in aller Frühe los. Angekommen am Würzburger Hauptbahnhof, begegnen mir schon die ersten roten Gestalten. Ich sehe mich um. Jap, ich bin die Einzige in Grün-Weiß hier. Na Bravo. Das geht ja gut los, denke ich mir. Natürlich bin ich auch nicht inkognito. Das fällt auch schnell den Fans der gegnerischen Mannschaft auf. Schnell gehen die Gesänge los mit: „Was ist Grün und stinkt nach Fisch?“ – Euch wir das Lachen noch vergehen denke ich. Wenn nicht heute, dann im Pokal. Ab in den Zug. Eine kleine Schickimicki-Familie unterhält sich am Nebentisch über das heutige Spiel.

Sonnenaufgang in Würzburg
Morgens in Würzburg. Aufbruch nach München

München ist Grün-Weiß

München Ankunft 10:45 Uhr. Treffpunkt 11:00 Uhr am Marienplatz. Großes Wiedersehen alter Gesichter. Jetzt aber schnell zum Einsingen. Dort mit dem Ritual begonnen, gehen sofort die Handy Kameras der Touristen an. Ich komme mir vor, wie Brad Pitt, der auf einer Stunde Meet & Greet zu sehen ist. Wir scheinen DIE Attraktion. Sofort steigt das Wir-Gefühl, die breite Brust gegen die Bazis – und die Sonne scheint im vollen Glanze. Kaiserwetter. Besser kann es doch nicht sein. Um 13:00 Uhr geht es dann auf gen Stadion. Die einzigen Fans die Laute von sich geben sind definitiv WIR. Das ist allerdings aber auch nichts Neues :-).

2 Freunde auf dem Marienplatz im Werder Trikot
Neulich auf dem Marienplatz

Die Geschichte der Allianz Arena

Viele meiner treuen Leser wissen, dass ich oft über Stadien und deren historische Geschichten schreibe, hier ist das, was ich über die Arena finden konnte.

Die Vision war 1997: Fußball schauen als wahres Erlebnis. Die Stadt München hatte dafür plädiert, nicht ein neues Stadion zu bauen, sondern eher das Olympiastadion für geplante Zwecke zu nutzen. Rund 500.000 DM waren als Investition geplant. Nach langem hin und her kam es 2001 zu einem Bündnis zwischen dem TSV 1860 München und dem FC Bayern München. Jetzt stand auch fest, dass es ein neues Stadion geben wird. Es gab sogar einen Bürgerentscheid, bei dem die Mehrheit dann für den Bau des Stadions in Fröttmaning stimmte. Beide Vereine teilten sich die Anteile zu jeweils 50 %. Man entschied sich für den Bau von Herzog und de Meuron. Dank 700 Bauarbeiter die gefühlt, 24/7 die Woche arbeiteten wurde der Rohbau 2004 fertig. Der erste Sitz übrigens wurde an meinem Geburtstag des Double Jahres des glorreichen SVW angebracht. Das erste Ligaspiel bestritten am 05.08.2005 der FC Bayern und die Fohlen aus Gladbach vor 66.000 Zuschauern. Damals gewann der Gastgeber mit 3 : 0. Mittlerweile hatte man die Zuschaueranzahl auf 75.000 erhöht. Wie wir alle wissen, hatte der TSV das Mietverhältnis Mitte 2017 aufgehoben und wird nie wieder in das Stadion zurückkehren. 

Blick auf das Spielfeld der Allianz Arena aus der Gästekurve
Forza SVW

Alle Jahre wieder

Schon wieder der Jakobsweg von der U-Bahn zum Stadion. 1000 Stufen, die erklimmt werden möchten. Da hat man die Stadionbratwurst doch gleich wieder verbrannt. Oben angekommen, gibt es von den Ultras weiße T-Shirts zu kaufen. „Alle in Weiß nach München“ hieß es. Natürlich unterstütze ich meine Mannschaft mit dem Support und die Ultras für die Nächste Choreo damit. Und das WIR Gefühl steigt noch mehr.

Am Bratwurststand sehe ich dann doch tatsächlich, dass es auch Popcorn gibt. Für schlappe 4 Euro. Es ist ein Stadion, kein Kino! Auch, wenn manch Schauspieler gerne auf dem Rasen der Arroganz-Arena zum Einsatz kommt. Apropos Schauspieler. Lustig fand ich auch den Kommentar von Thomas Müller, der doch tatsächlich nach dem Düsseldorf Spiel behauptete, er würde nie einen Elfmeter verwandeln, wenn dieser unberechtigt vom Schiedsrichter vergeben worden sei. Klar, Herr Müller würde so etwas nie machen. 2016 Werder gegen Bayern im Pokal Halbfinale. Vidal´s Schwalbe forderte unfairer Weise den Elfmeter für die Rot-Weißen. Was habe ich damals getobt vor dem Fernseher. Das ganze Spiel wäre anders ausgegangen, hätte Vidal damals fairen Fußball gespielt. Schwalbe hin oder her. Wer hat den damaligen Elfmeter verwandelt? Kein anderer als Herr Thomas Müller höchstpersönlich.

Manchmal frage ich mich, ob der Typ nur einmal nachdenkt, bevor er den Mund aufmacht. Eher unwahrscheinlich. Dieses Jahr haben wir etwas gutzumachen. FORZA SVW!

Bus der Werder Mannschaft vor dem Hotel
Hier regiert der SVW

Wir und sonst keiner 

Ab in den Block. Alle in Weiß. Die Fans, das sind WIR. Die Stimmung ist von Anfang an famos. Jeder ist heiß auf dieses Spiel und es liegt in der Luft, dass heute mehr drin ist. Heute gehen wir im wahrsten Sinne des Wortes — STEIL! Das ist die Arena nämlich auch. Hier hat man übrigens wirklich Höhenangst, wenn man unter dieser Phobie leidet. 

Es geht los und die Erste Halbzeit wird angepfiffen. Die Münchener Fans halten während des Spiels noch ein Banner hoch. Was das wohl heißen mag, wissen die Anhänger nur selbst. Ich kann mir bis heute noch keinen Reim darauf bilden. Gerne Anregungen an mich :-). 

Ein Banner mit einer Aufschrift der Bayern Fans
Wer kann hier behilflich sein?

Die Bremer stehen hinten. Die Bayern blitzen zwar ab und zu durch, kommen aber zu keinem Erfolg. Die erste Halbzeit ist relativ ausgeglichen und ich bin wie in Trance in der Kurve und singe lauthals zu dem Takt der Trommel. Das ist Musik. Je mehr Energie von uns aus geht, desto mehr Energie haben die Spieler. Das bilde ich mir zumindest ein. Nach 45 Minuten und einem 0 : 0 ist einfach noch alles drin. Die Stimmung ist weiterhin am Kochen. Das bleibt sie auch bis wir die 58. Minute schreiben. Da sieht Milos Veljkovic nämlich rot. Ich übrigens auch. War das wirklich nötig?!

Jetzt spielen wir nur noch zu zehnt! Muss denn immer ein Spiel auf diese Art und Weise entschieden werden? Ca. 20 Minuten später klingelt es dann auch für die Gastgeber. Ich könnte kotzen! Da jubeln wieder die Erfolgsfans. Es ist unerträglich. Hoffentlich muss ich das heute nicht noch ein zweites Mal ertragen. Wir geben noch einmal Vollgas. Ein Unentschieden wäre unfassbar wichtig und gut! Leider kommt es zu keinem weiteren Tor. Ein Tor der Grün-Weißen hätte mir gut gefallen. 

Fans in der Kurve
Hauptsache wir haben Spaß

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Nicht nur eine Serie geht zu Ende. Die Serie, 2019 noch kein einziges Mal verloren zu haben, sondern auch die, in jedem Spiel als einziger Bundesligist getroffen zu haben, ist nun vorbei. Beider wurden wir heute beraubt. 

Eine Serie gibt es allerdings noch. Die, im Bremer Weserstadion Zuhause im Pokal seit 1988 ungeschlagen zu sein. Der Pokal schreibt eben seine eigenen Gesetze und über die wird Euch Olaf Kretschmer im nächsten Beitrag, in Runde 2 berichten! 

Schwarz – Weiß – Grün

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Wieder geht es Richtung Pott. Wollen wir doch mal sehen, ob wir nach dem DFB-Pokal-Spiel gegen Schalke nochmal eins draufsetzen können. Also auf nach Gladbach. Auf der Autofahrt übrigens ist der Blogbeitrag „Schicht im Schacht“ fertig geworden. Danke an all meine Leser, Komplimente und dafür, dass es immer mehr Menschen gibt, die Gefallen an meinen Zeilen finden.

Irgendwo am Niederrhein

Nach 3,5 Stunden sind wir in der 259.669 Einwohner Stadt Mönchengladbach. Es ist Samstag. Werder spielt erst morgen. Heute ist also noch genug Zeit, um das Innenleben kennen zu lernen. Also raus aus dem Auto, einchecken im Hotel, rein in die neuen Klamotten und dann ab ins Sportlertreff SC Waldniel. Dort läuft heute Abend das Top-Spiel des Abends: Bayern vs. Dortmund. Ich brauche keine großen Worte zu verlieren, wem ich die Daumen drücke. Zudem treffen wir Michi. Gebürtig aus dem kleinen Dörfchen indem wir uns befinden. Ja, er ist Gladbach Fan. Und er hat morgen Geburtstag. Doppelter Grund um zu Feiern.

Eins kann uns keiner nehmen

Das Spiel des Abends läuft leider sehr mittelmäßig. Der FC Hollywood führt zur Halbzeit bereits mit 4 : 0. Da ist also schnell die Spannung aus dem Spiel. Der Besitzer des Vereinsheims, André, gesellt sich zu mir. Wir reden lange über Fußball. Damit hätte er wohl nicht gerechnet. Eine Frau und Fußball. Es ist an der Zeit, das Bild zu ändern.

Freunde an der Bar
Am Tresen, als wäre nichts gewesen

Nach ein paar Bier beginnen erst die richtig guten Gespräche. Wir setzen uns von einem normalen Tisch an die Bar, an der nur noch der, nennen wir ihn „harten Kern“ sitzt. Lange habe ich nicht mehr so viel gelacht. André ist übrigens Schalke-Fan. Das tut aber nichts zur Sache. Der Abend geht fröhlich weiter. Nachdem wir dann tatsächlich die Macht über die Musik ergreifen können, kommen wahnsinnig gute Songs, die Bock auf das Spiel morgen machen. Nach Mitternacht, einem tollen Anfang in Mich’s Geburtstag und etwas zu viel Alkohol geht es schließlich ins Hotel. Wer schwankt, hat mehr vom Weg, denke ich mir und falle in die Falle. Liebe Grüße an diese Stelle ans Vereinsheim am Waldniel. Danke, für den wirklich schönen Abend.

Etwas müde geht’s am nächsten Tag aus den Federn. Im Werder Dress durch das Dorf. Ich werde angeguckt, als hätte ich irgendwas Komisches an mir. Es muss definitiv das Trikot sein. Das fällt schon mal außerhalb des Weserstadions auf. An der Stelle knüpfe ich gleich mal an etwas an.

In den Farben getrennt — in der Sache vereint

Vielleicht sagen jetzt einige, dass man den Menschen nicht soviel Aufmerksamkeit schenken soll. Ich sage, jeder der meinen Blog liest soll wissen, dass Faschismus und Rassismus nichts im Fußball, nein über nirgends etwas zu suchen haben! Ich werde, gerade aufgrund der aktuellen Geschehnisse, wieder sagen, was ich davon halte. NICHTS! 

Banner im Stadion gegen Rassismus
Geh mir wech mit Rassismus!

Egal ob in England oder in Italien, ich werde kein Blatt vor den Mund nehmen, sondern meine Meinung dazu äußern. Affenlaute in Stadien. Ein Selbstbild derer, die diese Laute von sich geben? Ich bin stolz auf Werder und meinen Verein, der sich auch klar ausgesprochen hat, dass jeder der die AFD wählt, wissen sollte, dass dies mit Werder überhaupt nicht zusammenpasst. Das ist mein Verein. Ich kann nicht verstehen, wie eine derartige Ablehnung, solch ein Hass, eine derartige Denkweise entsteht. Wie man behaupten kann, dass jemand mehr Wert ist oder anders gesehen, jemand wertloser ist, als jemand anderes. 

Wie entsteht überhaupt Menschenhass? 

Ich sehe es tagtäglich. Ich arbeite mit Menschen. Sie sind das einzige Lebewesen, die die Macht haben, eigentsändig zu denken und zu handeln. Da liegt vielleicht der Kern der Sache. Warum greifen wir uns als Menschen überhaupt selbst an? Dabei sind wir alle gleich! Schon mal einen Ameisenhaufen näher betrachtet? Da arbeitet jede Ameise Hand in Hand. Sie kämpfen nicht nur hart um das Überleben, sondern auch um die Erhaltung ihrer Art. Arterhalt und Selbsterhalt. Und wir so? Jammern und schimpfen gefühlt den ganzen Tag. Gerne auch über das Wetter. Und wenn sonst nichts und niemand da ist, dann auch gerne über die eigene Spezies. 

Du kommst auf diese Welt, hast keinen Einfluss wie, wann oder warum und wirst dann aufgrund deines Aussehens be- und verurteilt. Ich wurde in Niederbayern aufgrund meiner Herkunft (weil ich aus Bremen kam) in der Schule aufgezogen, gehänselt und dumm angemacht. Heute heißt es „gemobbt“…, weil ich ihren Dialekt nicht verstanden habe. Es geht also schon recht früh los. Ohne nachzudenken, immer mit dem Strom. 

Ich sage: Wir sind alle gleich. Jeder Mensch hat Ziele, Rückschläge, Träume. Wir kennen nie die komplette Lebensgeschichte von anderen Menschen und doch erlauben wir uns immer wieder ein (schnelles) Urteil über andere. Menschen anzuschreien, seinen Frust rauszulassen scheint normal (geworden). Es wird sich beschwert, aufgeregt und beleidigt. Für die wenigsten Dinge ist man noch dankbar. Wie wird noch gleich das Wetter morgen? Wir machen so viele Unterschiede, dabei machen wir den Unterschied aus. In all unseren Facetten. Schwarz / Weiß / Grün.

Bild von 4 Menschen vor dem Borussia-Park
4 Freunde für ein Halleluja

Werder ist Grün-Weiß

Kurz vor dem Spiel lockt uns Michi dann noch in die Kneipe seines Vertrauens. Wie dumm von mir zu glauben, dass es eine neutrale Kneipe wäre :-). Hier sehe ich – bis auf zwei Ausnahmen – nur die Trikots mit den falschen Rauten. Naja, hier ist man tolerant. Es gibt ein Bolten. Altbier. Schmeckt echt wahnsinnig gut. Jetzt geht es noch 10 Minuten per Pedes zum Ort des Geschehens: der Borussia-Park. Elia stößt dazu. Die Stimmung ist bestens.

Foto von zwei Freunden mit einem Bier in der Hand
Noch können wir beide lachen

Noch ein kleines Stoßgebet

Ich bin nicht nur nervös, weil jedes Spiel aktuell ein wichtiges Spiel um den Einzug auf die internationale Präsenz geht – es wird auch für das Halbfinale im DFB-Pokal ausgelost. Bitte nicht die Bayern, denke ich mir. Bitte nicht. Ein Stoßgebet geht noch zum Fußballgott. In der Kurve eingefunden und nach dem ganzen Ritual der Borussen, geht es dann endlich los. Anpfiff. Bestes Wetter. 18:00 Uhr. Auslosung parallel. Tatsächlich werden wir gleich als erstes gezogen. Ich weiß nicht. Heimspiel? Wir hatten doch 2009 auch alles auswärts gewonnen. 

Es dauert gefühlt eine Ewigkeit, bis der Ticker den Gegner bekannt gibt. Der FC Bayern München besucht uns nur knapp 4 Tage nach der Partie in der Rückrunde in München bei uns an der Weser. Puh. Da muss ich erstmal schlucken. Wir sind seit 1988 im DFB-Pokal zuhause ungeschlagen. Das macht mir noch Mut. Meine Laune ist erstmal im Keller. Zudem kommt noch das Spiel von Bremen. Werder ist eher im Ruhemodus und es regnet Chancen für die Fohlen.

Momentaufnahme aus dem Borussia-Park
Momentaufnahme aus dem Borussia-Park

Die Fohlen und ihr Stall

54.000 Zuschauer finden hier 90 Minuten pures Adrenalin. 1964/65 nahm der Verein viele junge Spieler unter Vertrag. Unter Ihnen auch große Namen wie z. B. Jupp Heynckes. Das Durchschnittsalter betrug 21,5 Jahre und war somit das damals niedrigste aller Regional-Mannschaften. Und ganz genau so entstand der Name „Fohlen“. Wer diesen Namen aber ins Leben rief, war kein anderer als Reporter Wilhelm August Hurtmann der diesen Begriff immer wieder in seinen Berichterstattungen der Rheinischen Post benutzte. Es war eine Mannschaft, die jung, dynamisch und unvoreingenommen an die Pflichtspiele herantrat. Wie junge Fohlen eben. Die höchste Heimniederlage übrigens bekamen die Gladbacher 65/66 gegen den einzigartigen, wunderbaren, sensationellen SV Werder Bremen. Vielleicht können wir da heute anknüpfen?

Back in the Game

Zurück zum Spiel. Übrigens auch die 100. Begegnung beider Mannschaften. Halbzeit – und nichts ist passiert. Also geht es sofort in Runde zwei. Meine Laune wird allmählich ein wenig besser. Doch Sprünge kann ich noch immer nicht machen.

Bild aus dem Gästeblock mit wehenden Fahnen
Egal wo du auch spielst

In der 49. Minute erlösen sich dann die Gladbacher und führen. In your face denke ich mir. Das gibt es doch nicht! Aber Werder wacht immerhin noch auf und nähert sich zumindest dem Tor. 30 Minuten später gleichen wir aus. ENDLICH! Das heitert mich endlich auf. Das wird Michi in der Nordkurve, auf der anderen Seite, so gar nicht gefallen. Aber ich hatte es ihm ja schon angedroht. 

Werder hat immer wieder ganz gute Chancen. Die Borussen auch. Dennoch bin ich froh, hier zumindest einen Punkt mitnehmen zu können. Werder und Gladbach trennen sich  1 : 1. Zum Feiern der Mannschaft bejubelt die Kurve die Spieler mit: „Zieht den Bayern die Lederhosen aus“. Was die Spieler sich wohl gedacht haben, als sie hörten, dass es gegen die Bazis geht? Naja, zumindest ein Heimspiel. Auch wenn der Fußballgott mich wohl an dem Tag vergessen hatte, hoffe ich auf ihn am 24.5. 2019. 1400 km diese Woche für den SVW. Kaputt aber glücklich.

Und geh mir wech mit Rassismus!

Schicht im Schacht

Viertelfinale 2019. Das Finale erreicht 1989. 1999 den Pokal gegen die Bayern gewonnen. 2009 Finale Berlin. Titelträger wieder der SVW. 2019. Ihr erkennt ein Muster? Auf geht es heute nach Gelsenkirchen auf ein DFB-Pokal Spiel. 

Wenn die Ferne ruft

13:30 Uhr. Ich werfe mich in mein Werder Trikot und düse zum Würzburger Hauptbahnhof. Dort treffe ich auf Chris (der übrigens den ersten Gastbeitrag hier auf meinem Blog verfasst hat). Gemeinsam werden wir von Anne eingesammelt und es geht mit dem Auto gen Pott, um den Pott ein Stück näherzukommen. 4 Stunden Fahrt warten auf uns. Mit guten Werder Liedern, bei denen wir noch in Erinnerungen schwelgen, ist die Fahrt schneller rum, als gedacht. 7000 Fans reisen heute für den Sportverein in die Veltins Arena auf Schalke. 

Blick auf das Spielfeld
Calm before the Storm

Glück auf

Das Licht geht aus. Viele kleine wieder an. Im Hintergrund beginnt die Melodie des Steigerliedes. Das hat Tradition. Früher sang man das Lied als Kumpel des Bergbaus. Die einen sagen, dass Stück diente dem Glauben an die Hoffnung nach gefährlicher Arbeit wieder ans Tageslicht und zur Familie zurückzukehren, die anderen sagen, das Lied wurde gesungen, damit sich die Schätze des Berges auftun. Somit war es als Glückslied zu betrachten. Vor allem erinnert es mich aber an eine Stadt und ein Stadion, die mich weit in eine andere Zeit schleudern. Das Schwarz-Weiß Video auf dem Würfel unterstützen meine Reise in die Vergangenheit. Und wenn ich gerade schon dabei bin über Vergangenes zu sprechen, dann doch bitte auch über den wichtigsten Grund des Abends. Den DFB-POKAL.

Das Licht im Stadion ist aus. Kleine Lichter sind zu sehen während das Steigerlied läuft
Glück auf, der Steiger kommt

Zurück zum Ursprung

Früher hieß der noch „Tschammerpokal“. Benannt nach seinem Namensgeber Hans Tschammer, Reichssportführer der National Sozialisten. Am 06.01.1935 ging der Wettbewerb mit unglaublichen 4.000 Mannschaften in die Erste Runde. Damaliger Gewinner am 08.12.1935 war der 1. FC Nürnberg. Schalke 04 unterlag damals dem 1. FCN mit 2 : 0.

1938 beschloss der Deutsche Fachverband Fußball, dass nun auch österreichische Vereine an dem Wettbewerb teilnehmen dürfen. Und so standen sich im selben Jahr, Rapid Wien und der FSV Frankfurt am Ende gegenüber. Das Spiel entschieden die Österreicher für sich mit 3 : 1. 

1939 brach der 2. Weltkrieg aus. Der Pokal blieb weiterhin bestehen, das Finale wurde jedoch erst ein Jahr später ausgetragen. Gewinner war wieder Nürnberg, die sich zum zweiten Mal den Titel sicherten. 

1943 in Stuttgart, gewann der First Vienna FC gegen den Luftwaffen-Sportverein Hamburg die Letzte Trophäe unter diesem Namen. Endergebnis: 3 : 2. Der Tschammerpokal war ab da an Geschichte.Knapp 10 Jahre lang wartete der Pokal in Wien auf einen neuen Besitzer.

1952 gingen dann erstmals 32 Vereine für den „DFB-Vereinspokal“ ins Rennen. Gewinner nach 10 Jahren Unterbrechung war Rot-Weiß Essen. Das Hakenkreuz am Pokal selbst, wurde lediglich mit einer Plakette mit dem DFB-Logo ersetzt. Seit 1964/1965 gibt es dann den offiziellen Pokal, den wir alle heute als DFB-Pokal kennen. Dort ist allen voran, Borussia Dortmund als erster Gewinner eingraviert worden. Natürlich wurde die Trophäe mittlerweile um einige Sieger erweitert. Nach dem FC Bayern mit 18 Siegen, schließen unsere Grün-Weißen mit 6 Titeln, Schalke und Frankfurt mit jeweils 5 und Köln, Nürnberg und Borussia Dortmund mit jeweils 4 Titeln auf.

Ein besonderes Ereignis gelang dann noch Rudi Assauer (R.I.P Rudi) 2002, der den Pokal fallen ließ. Der damals „schiefe Pokal“ wurde dann auf Kosten von Rudi für 32.000 Euro repariert. 

Das Spiel beginnt
Mögen die Spiele beginnen

Es geht im Pott um den Pott

Zurück vorm Stadion bin ich in bester Gesellschaft. Eine ewige Party auswärts mit Freunden. Aber 60 Minuten vor Anpfiff machen wir uns dann doch auf Richtung Kurve. Ich bin nervös. Mein Herzschlag gleicht einem Drum and Bass Lied. Der Schiedsrichter Deniz Aytekin pfeift die Partie um 20:45 Uhr an. Zu der ersten Halbzeit kann ich nicht viele außergewöhnliche Szenen beschreiben — es gibt nämlich keine. Kurz kommt der Gedanke in mir auf: „Der ganze Weg für dieses Spiel?“ Ich kann nur hoffen, dass die nächsten 45 Minuten mehr Bums dahinter haben. 

Heiko und Nadine in der Gästekurve
Gute Freunde kann niemand trennen

Einige Freunde hatten mich davor noch angesprochen: „Du fährst nur für 90 Minuten Fußball so viele Kilometer?“ Ich würde gerne immer eine passende Antwort haben auf diese Frage. Wenn ich mit: „Ja, das ist meine Leidenschaft“ antworte, stoße ich auf Unverständnis. Klar, wenn man nie dabei war, kann man das nicht nachvollziehen. Die Stimmung, die Atmosphäre, die pulsierende Masse an Menschen die sich die Seele aus dem Leib schreien. Klingt verrückt? Stimmt. Aber einmal in diesem Bann gewesen, kommt man nicht mehr raus. Es ist wie bei der Herr der Ringe, der dich immer wieder ins Stadion lockt. 

Meine Damen und Herren das ist norddeutscher Zauber

2. Halbzeit. Nervosität wieder da. Werder aber auch. Die Grün-Weißen haben mehr Schwung und es gibt schon einige Situationen, die gefährlich werden. Aber auch die Knappen kommen zu manch guten, Gott sei Dank nicht verwerteten, Chancen. Dann nach 65 Minuten Spielzeit, steht Rashica vor dem Strafraum und zaubert den Ball ins obere Linke Eck. Hätte ich es nicht mit eigenen Augen gesehen, hätte ich es spätestens bei der Bierdusche gemerkt. WIR FÜHREN! Der Jubel — unvergleichlich mit allem was davor war. Jubel ist, wenn du irgendwelche Fans umarmst. So auch hier. In dem Moment ist man mit Allen vereint. Das ist Fußball. Ich kann es irgendwie noch gar nicht glauben. Aber es steht auf Schalke 0 : 1 für uns. 

Schlagartig heizen die Ultras noch mal so richtig ein. Famos. 7 Minuten später klingelt es zum 0 : 2. Ausgerechnet Davy Klassen, der bislang nicht so richtig in das Spiel fand, macht den Deckel zu. Wir rasten aus. Ist das ein Traum? Und da fällt mir, und da spreche ich glaube ich auch für alle anderen, ein Stein vom Herzen.

Blick auf die Anzeigetafel. Es steht 0 : 2 für die Gäste
Werder führt mit 0 : 2.

Wir sind zurück

Diese Emotionen hier zu beschreiben, fällt schwer. Man muss sie erleben. Hab ich eigentlich schon erwähnt, dass ich nah am Wasser gebaut bin? Klar, ich bin waschechter Bremer, ich komm von der Nordseeküste, da ist viel Wasser umzu. Da steh ich also nun. Um mich herum wird es leise und so langsam bekomme ich Tränen im Auge. Das ist dann wohl der Teil, in dem ich sentimental werde. Es war von Anfang an wirklich alles drin für beide Mannschaften und dann steht es 0 : 2 für den SVW. Oh wie ist das schön. Die Gesänge greifen über in: „Über Hamburg fahr’n wir nach Berlin“ und „Europapokal“. Es gibt so viele Fans die noch nie eine Meisterschaft oder einen Pokaltitel ihrer Mannschaft feiern konnten. Welch ein Glück, gehören wir nicht dazu. 

Geschlossen stehen die Werderaner auf dem Platz in einem Kreis. Die Fans applaudieren
Nach dem Spiel vereint

Das muss man eben auch mal aus der Perspektive sehen. Das ist fast wie seine Seele und sein Herz in eine Aktie zu investieren, die zu Lebzeiten vielleicht nie zu Erfolge kommt. Das ist Leidenschaft. Das ist bedingungslos und das ist ECHT. 

Was leider auch echt ist, ist die Rote Karte die Nuri Sahin in der 90. Minute kassiert. Zurecht oder nicht, es ist unnötig. Nach den 5 Minuten Nachspielzeit ist der Krimi endlich vorüber. Das Spiel war auch nicht das Gelbe vom Ei, dennoch bin ich heilfroh über den Einzug ins Halbfinale. 

DIE NUMMER EINS IM NORDEN SIND WIR!

Winter is coming….

Das ewige Spiel. Nicht um den eisernen Thron, sondern um 3 wichtige Punkte. Alles auf Sieg. Ich reiße den Kleiderschrank auf — schnappe mir meinen Schal, mein Trikot und mache mich mit meiner besseren Hälfte auf zum Würzburger Bahnhof. Wer das Spiel heute für sich entscheidet und ob der Wächter des Nordens auch im Süden seine Flagge hochhalten kann, könnt ihr hier nachlesen. Auf ein Spiel in Nürnberg. 

Revanche

Der RE steht bereit. Ein paar Werderaner steigen in das gleiche Abteil. Es fällt nie leichter, als bei einem Bier und einer Zugfahrt gen Stadion neue Kontakte zu knüpfen. Auch wenn es draußen kalt ist, sind wir heiß auf den Sieg. Immerhin ist nach der Hinrunde gegen die Nürnberger noch etwas offen. Zu guter Letzt hatten sie es tatsächlich im Bremer Weserstadion geschafft, in der letzten Minute den Ausgleich zu erzielen. Bitter. Aber es sollte dieses Mal alles anders werden. 

Fans des SVW auf dem Weg nach Nürnberg im RE
Road to Nürnberg

Auswärts daheim

Angekommen in Nürnberg. Ein Gleis weiter wartet ein großes Wiedersehen mit meinen Freunden aus München. GWM. Ein Meer voller Umarmungen. Kurze Zeit später machen wir uns auf den Weg ins Max-Morlock-Stadion. Aber wer war dieser Max Morlock eigentlich und was hat es mit dem Stadion auf sich?

4 Freunde aus dem Fanclub
Friendship never ends. GWM on tour

Geschichtlicher Hintergrund

Maximilian Morlock – geboren in den zwanziger Jahren in keiner anderen Stadt als Nürnberg. Mit 286 Treffern für den Club, verewigte sich der Nationalspieler damals in den 60ern zum Fußballer des Jahres. Auch einigen Fans wird er immer in Erinnerung bleiben, da er einer der großen Spieler war, der unermüdlichen Willen zeigte und die Geschichte des Fußballs auch mit seinem Kampfgeist prägte. Endlich mal ein Stadionname befreit von Werbung. 

Das ehemalige Frankenstadion wurde 1925 – 1928 erbaut. 50.000 Fans können hier einen guten Platz zum Feiern und grölen finden. 

1928 trug man hier sogar das Endspiel um die deutsche Meisterschaft aus. Aber jede Medaille hat zwei Seiten. 1933 wurde der Platz in „Stadion der Hitlerjugend“ umbenannt. 1937 fand der Tag der Hitlerjugend dort statt. Später, in Mitte der 40er Jahren, wurde der Platz für Baseball Spiele der US-Armee verwendet. Der Fußball kehrte erst 1963 wieder zurück. Apropos zurück. Zurück zum Spiel.

Flagge vor der Nürnberger Nordkurve im Wind
Flagge zeigen in Nürnberg

Welcome to the Show

Ein ausgiebiger Spaziergang führt uns zur Gästekurve. Die Pommes am Stadion kann ich übrigens nicht empfehlen. Immerhin gibt es Glühwein. Vor den eigentlichen Plätzen noch der Hinweis: „Heute Choreo“. Da nehme ich einmal meinen Freund mit und er bekommt das volle Programm. Haltet mich für irre, aber das Betreten des Stadions ist magisch. Hier warten gleich 90 Minuten Wahnsinn auf alle. Platz eingefunden und kurze Zeit später stehe ich in einem Meer voller Grün-Weißen Fahnen. 

Ein Meer voller grün-weißen Fahnen in der Gästekurve
Ein Meer voller Fahnen

Das Spiel beginnt. Viel kann ich nicht berichten. Zu viele Fahnen versperren mir die Sicht. Die Stimmung war dennoch genial. Das Stadion ist bei weitem nicht ausverkauft. Viele Plätze der Gastgeber sind leer. Etwas leer waren auch die Versprechungen, die die Spieler vor der Partie machten. Nach 3 Punkten sieht die erste Halbzeit nicht aus. Es kann also nur besser werden. Ein bisschen Pyrotechnik ließ meine Stimmung erhellen und mich auch wieder aufwachen. 

 

Pyrotechnik ist kein Verbrechen

Hierzu mal mein klarer Standpunkt. Pyrotechnik ist kein Verbrechen! Auch wenn ich mich vielleicht ein wenig unbeliebt mache, ist es etwas, das man erleben muss. ERLEBEN – im Stadion — nicht vor der Mattscheibe. Nicht jeder muss es gut finden, aber jeder sollte sich mal diese Frage stellen: 

  1. Bin ich davon betroffen oder nehme ich Schaden?
  2. Bedroht es mich?

In vielen Foren lese ich häufig negatives über dieses Spektakel. Ich habe jedoch noch von keinem einzigen Fan in der Kurve gehört: „ Ah, schon wieder scheiß Pyro, ich geh lieber mal..“ Zumal jeder der einige Reihen zurück gehen möchte, Platz eingeräumt bekommt. Doch niemand hat sich (bei mir) je in der Kurve beschwert.

Protest und Unverständnis kommt von jenen, die auf den Rängen sitzen oder zuhause auf der Couch gemütlich ihr Bier schlürfen.

Wer fernab der Pyro sitzt und vom Rauch nicht betroffen ist, sollte – meiner Meinung nach – nicht mit in die Diskussion einsteigen. Sie haben weder die Wirkung, im Positiven wie im Negativen, nicht erlegt. Ganz allgemein gesprochen: Kaum jemand macht noch etwas zu 100%. Gefühlt schleicht sich eine „ein Pferd springt nur so Hoch wie es muss“-Mentalität ein. Man quält sich aus dem Bett, um den ganzen Tag auf der Arbeit zu sitzen. Flieht vom Job auf die sichere, warme Couch und lässt sich berieseln. Fiebert den Abenteuern anderer hinterher, statt selbst etwas zu wagen. Ach wie schön ist so ein Bier im Stadion auf einem gemütlichen Sitzplatz. (Sarkasmus) 

Grüner Nebel im Nürnberger Gästeblock
Schall und Rauch

Klarzustellen ist, dass ich mich klar gegen Böller oder Wurfgeschosse ausspreche. Erwähnenswert ist ebenso, dass sich der SVW kalte Pyrotechnik angesehen hat. Ernsthaft: Wer Schaden anrichten will, verletzten und zerstören – der hat im Stadion nichts zu suchen. Ob mit oder ohne Pyrotechnik. Ich sage euch: Die Menschen die in der Kurve stehen und ihr Herz aus der Kehle schreien, 2 Stunden vorher da sind, um ihr Zeug aufzubauen. Die Menschen, die Choreos planen, sich den Arsch abfrieren, die Fans und die Mannschaft anheizen und die kilometerweite Anreise auf sich nehmen – das sind wahre Fans. Heutzutage gehört jammern und sich aufregen zum Alltag. Man lässt sich gerne auf ein Gespräch ein, um seinen Ärger Luft zu machen. Eine Kultur des Unzufrieden seins. Anstatt Fußball zu gucken, wird verbal rumberserkert.

Lieber am Black Friday shoppen bis zum Umfallen Geld in Unternehmen blasen, ohne zu hinterfragen. Die, die sich über alles aufregen, sind am Ende die, die nichts tun, um die Welt besser zu machen. Stimmung gehört zum Spiel dazu. Pyro gehört zur Stimmung. Leben und leben lassen ist das Stichwort. Die Kurve ist für jene die Bock haben zu feiern. Es ist der Moshpit des Stadions – und niemand zwingt dich, das Konzert dort zu erleben.  

Hochmut kommt vor dem Fall

Die Grün-Weißen lassen uns lange warten aber dann, in der 63. Minute, trifft Jojo Eggestein zum 0 : 1. Bäm! Alle rasten aus. Eine Erlösung. Die Stimmung erreicht den Zenith und wir liegen uns in den Armen. Das Spielt nimmt endlich Fahrt auf. Leider ist es eine Fahrt nach Nirgendwo denn mal wieder erzielen die Nürnberger kurz vor Schluss den Ausgleich. Ich bin fassungslos. Das Spiel hätte man für sich entscheiden müssen. Ganz klar. Aber auch jetzt stehen wir zusammen hinter unserer Mannschaft. Anstatt mich aufzuregen, genieße ich die letzten Minuten in trauter Gesellschaft und denke mir: Leben und leben lassen. 

 

 

 

Der erste Gastbeitrag

Nicht nur in Leipzig zu Gast: Der erste Gastbeitrag

Richtig gelesen. Ein Gastbeitrag. Im Fokus – das letzte Auswärtsspiel der Hinrunde. Vielen Dank an dieser Stelle an Chris Böhm. Danke, dass du die Eindrücke aus deiner Sicht aufgeschrieben und geteilt hast. Das erste Mal gebe ich die Führung ab und überlasse die Feder ganz und gar jemand anderen. Auf ein Spiel aus anderer Sicht.

Und los… ab zu den roten Bullen

Ein letztes Mal für 2018 musste ich mich in aller Herrgottsfrühe aus der Koje quälen, ein letztes Mal zum Konterbier greifen, denn Freitagabende sind bekanntlich die besten Partystunden der Woche. Trotz Müdigkeit und nur durch Adrenalin und Vorfreude auf den heutigen Tag, schaffe ich es umgehend aus dem Bett. Es gibt kein anderes Ereignis, das mich vergleichbar schnell aus den Federn hüpfen lässt, wie ein Fußballspiel. Wahrscheinlich noch nicht mal die eigene Hochzeit. Aufstehen ist reine Kopfsache!

06:06 Uhr ging der Zug nach Leipzig. Der Grund meiner super frühen Anreise war, dass ich um 09:00 Uhr zum Frühshoppen im Leipziger Süden verabredet war. Pünktlich um 08:40 Uhr am Bahnhof wartete ich noch auf einen Kumpel, der aus Jena anreiste. Einen Wimpernschlag später, saßen wir in der Straßenbahn gen Leipziger Süden. Die Laune war schon wieder auf Höchststand. Das konnte nur ein geiler Tag werden!

Leipzig in History

Leipzig. Eine Stadt mit Tendenz zu 600.000 Einwohnern. Sie ist neben Dresden und Rostock wohl die bekannteste Metropole in den neuen Bundesländern. Besonders für junge Leute scheint sie eine enorme Anziehung zu besitzen. Mittlerweile zählt sie mehr als 40.000 Studierende. Geschichtlich hat die Stadt des Allerleis einiges auf dem Kerbholz. So fand vom 16.10.1813 bis 19.10.1813 die Völkerschlacht bei Leipzig statt. In dieser Schlacht kämpften preußische, russische, österreichische und schwedische Truppen gegen Napoleon Bonaparte und eben jene verbündete Truppen konnten Napoleon die entscheidende Niederlage zufügen, die ihn endgültig dazu zwang, sich aus Deutschland zurückziehen. Wahrscheinlich die größte Schlacht der Weltgeschichte bis Anfang des 20.Jahrhundert.

Fahne-des-RB-Leipzig
Der Wind weht heute von Norden!

Rasenballsport der beflügelt — oder nur eine Farce?

Apropos Geschichte — unser heutiger Gegner hat keine vergleichbar lange Vita. Am 19. Mai 2009 aus dem Boden gezogen, wie eine Wüstenstadt in den Emiraten oder ein WM-Stadion in Katar, spielt er seit der Saison 2016/17 in der 1. Bundesliga.

Wenn man sich die Gründung genauer anschaut, liegt es nahe, beträchtlich mit dem Kopf zu schütteln. Zunächst wurden Vereine wie die Fortuna aus Düsseldorf, der FC Sankt Pauli oder auch 1860 München gefragt, ob Sie Interesse an pushenden Investitionen hätten. Im Gegenzug sollte die Mehrheit von 50+1 Prozent bei Red Bull liegen sowie eine Änderung des Vereinsnamens, des Vereinswappens und der Vereinsfarben folgen. Alle 3 o.g. lehnten ab. Warum die 60er ablehnten und zwei Jahre später Herrn Ismaik 60% ihrer Anteile verkauften, bleibt wohl ihr Geheimnis.
Nachdem sich die drei größeren Vereine weigerten, ging Red Bull einige Etagen tiefer und klopfte zunächst beim FC Sachsen Leipzig an. Diesem Verein, der mittlerweile aufgelöst ist, ging es nach ausbleibenden Erfolgen wirtschaftlich sehr schlecht. Der Deal scheiterte damals nur, da der DFB aufgrund namensrechtlicher Unstimmigkeiten einschritt und eine zu große Einflussnahme von Seiten des Investors bestand. Da die Oberliga außerhalb des Zuständigkeitsbereiches des DFB liegt und ein von Leipzig umliegender Verein namens SSV Markranstädt der Übernahme zustimmte, wurde „Red Bull“ trotzdem gegründet. Nach 7 Jahren hatten sie damals bekanntlich den Durchmarsch aus der 5.Liga in die 1.Bundesliga geschafft. Doch die Namensproblematik bestand damals weiterhin. Laut DFB-Satzung ist eine Namensgebung zu Werbezwecken unzulässig, weshalb auf Red Bull Leipzig, Rasenballsport Leipzig folgte.

Beflügelte Reaktionen der Fans

Die Fans tobten und waren außer sich. Verständlich. Auf einmal kommt ein „unbekannter“ Club um die Ecke, der an der Brust einer großen Firma nuckelt und dank Geld einen derartigen Marsch durch mehrere Ligen nach oben hinlegte. Tradition? Fehlanzeige!
Und auch in den letzten Jahren gab es immer wieder fragwürdige Ereignisse. Zum Beispiel darf gefühlt keiner bis heute stimmberechtigtes Mitglied werden um bei etwaigen Mitgliederversammlungen ein Wörtchen mizureden. Die stimmberechtigten Mitglieder, 17 an der Zahl, entstammen ausschließlich der Führungsriege.

Auch das Hin – und Hergeschiebe von Spielern vom Tochterklub aus Salzburg nach Leipzig stand immer wieder in der Kritik. Besonders der Transfer des Spielers Nils Quaschner fällt mir spontan ein. Da dieser bereits für 2 Vereine in der Saison 15/16 spielte, entzog schlussendlich die FIFA ihm die Spielberechtigung. In Leipzig verstand man daraufhin die Welt nicht mehr. RB Leipzig. Ein Projekt, das größtenteils Marketingziele verfolgt und sein Image verbessern will. Schauen wir mal, ob Red Bull wirklich Flügel verleiht und der Club — ähnlich wie der arme Ikarus — etwas zu viel Auftrieb erfährt und schließlich unsanft „landet“.

Blick auf den Gästeblock in Leipzip
Zu Gast in Leipzig

Nun aber auf ins Stadion

Inzwischen haben wir die Stadiontore der Arena erreicht. Ein guter Stehplatz war schnell gefunden und nach einigen Schnackereien mit allen bekannten Gesichtern, lief auch schon Bibi Steinhaus ein. Im Schlepptau unsere 11 Goldfüßchen.

Zum Spiel will ich nicht viele Worte verlieren, denn wir haben wieder mal 90 Minuten lang guten Fußball gespielt und hatten durchaus die Chance in Führung zu gehen. Milot Rashica hatte die beste. Danach haben wir die Gastgeber zweimal eingeladen. Gerade beim 2. Tor (Timo Werner) nach viel zu kurzem „prallen lassen“ von Max Kruse in Richtung Jiri Pavlenka. Wieder einmal haben wir uns selbst um den Lohn unserer Arbeit gebracht. 2 : 0 im Zentralstadion. Das ist ein dickes Brett für die 2. Hälfte und das war jedem auf und am Rasen sichtlich bewusst.

Blick-auf-das-Spielfeld-in-Leipzig
Klare Sicht auf drei Punkte

Alles auf Sieg

Aber unser immenser Wille, unser Einsatz und unsere Leidenschaft brachten uns auch in Leipzig wieder zurück. 2 : 2! Glückwunsch an unseren jungen Joshua Sargent: 2. Torschuss in der Bundesliga, 2. Tor. Was für geile Tage für den Jungen!! Als dann 5 Minuten vor Schluss die ewige Legende Claudio Pizarro ins Spiel geworfen wurde, wusste jeder wohin der Hase rennen sollte. Alles auf Sieg — weshalb ich den SV Werder Bremen einfach liebe. Alles oder nichts! Eines meiner Lebensmottos.

Und so kam es wie es kommen musste. 87. Minute – wieder nur sehr halbherziges Stören des Gegners auf der rechten Außenbahn. Es folgte eine flache Hereingabe, leicht in den Rückraum der Abwehr und alle schauten sich nur verdutzt an, während Bruma mit etwas Glück den Ball ins Netz schob. So ne Scheisse zum Jahresausgang — einfach sinnlos. Lasst uns doch einfach den einen Punkt mitnehmen.

Das Positivste an dem Spiel: Timo Werner traf mal nicht zweimal – denn das tat er statistisch in jedem bisherigen Saisonspiel sobald er einmal die Kugel in das Netz schob.

Nach dem Spiel ging es zur Bahn und ab nach Hause. Abends stand das Treffen meiner ehemaligen Schulklasse an. Noch ein paar erheiternde Gespräche auf der Rückfahrt im Zug und schon saß ich im Irish Pub bei Kerzenschein und Pitcher.

Awaydays are the best days!

Der nächste Beitrag aus meiner Hand folgt vom Spiel gegen Nürnberg. Ich freue mich auf bekannte Gesichter und natürlich auf drei Punkte für den SVW. Solltet auch ihr Interesse an einem Gastbeitrag haben, meldet euch. Wir lesen uns auf ein Spiel 🙂
Eure Nadine